Vergiss. Deine Grenzen. Wandre aus.
Das Niemandsland. Unendlich, nimmt dich auf.
(Rose Ausländer)
Der weite, stille Innenraum der Erlöserkirche – es ist ‚Segnungsgottesdienst‘. Sigrid sitzt in ihrer klaren, offenen Lebensart – still-zugewandt, nicht vereinnahmend, herz-offen – vor dem Altar und wartet. Im Schweigen kommen Menschen zu ihr, legen ihre Hände in die Ihren. Geisterfüllte Augenblicke, ein leiser Zuspruch, Segensworte, der Duft von Rosenöl. Sie hat so vielen Menschen unserer Gemeinde gutgetan.
Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
Meine Hand greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.
(Hilde Domin)

Donnerstagabend. Das Gemeindezentrum pflegt (und ruft nach) Stille. Der große Saal ist hergerichtet, ruhig und in einer klaren Ästhetik geschmückt. Viele Menschen kommen, Suchende und Schenkende. Konfession ist hier keine Grenze. Der Meditationskreis bietet seit über vierzig Jahren einen qualifizierten Raum der Herzensbegegnung. Sigrid ist eine der Seelen dieser geistlichen Begleitung.
„Nur Stille und Vertrauen schenken neue Kraft“
(Leitspruch des Meditationskreises Jes 30,15)
Die Welt der Gedichte – besonders der Lyrik aus der Sicht der Frauen – ist ihre Welt. Da ist sie zu Hause. Darin lebt sie. Davon schenkt sie gerne: Hilde Domin und Rose Ausländer, Marie Luise Kaschnitz, Dorothee Soelle. Gerne spricht sie die Worte zweimal. Sie haften, bei denen, die sie von ihr hören – haften auch in ihrer Seele.
DEIN Name ist meine Heilung, o mein GOTT
DEINE Nähe meine Hoffnung
(Baháu’llah)
In die Welt hat sie Menschen geführt – nicht in die Große, aber in die feine, nahe, natürliche Welt. Stille Spaziergänge der Wahrnehmung, Inne-halten und Aufspüren dessen was war, was ist und was sein wird. Am Fenster ihres Krankenbettes hat sie im Dezember einen kleinen Tannenbaum mit Meisen Knödeln geschmückt. Das war für sie der schönste Weihnachtsbaum.
Stimme des anderen Tages
Wanderung, Wandlung, dieses Eine ist gewiss:
Die Gärten des Paradieses
sind nicht so weit entfernte Länder wie wir geglaubt,
(Marie Luise Kaschnitz)
Eine große Familie trauert, ein großer Freundeskreis trauert, eine Gemeinde trauert. Und alle sind dankbar: Sigrid ist uns ein kostbares, echtes Begegnungsgeschenk gewesen, das uns oft aufrichtete, ausrichtete und verlässlich zugewandt Herzlichkeit, Klarheit und Wegweisung schenkte.
Jede/r von uns wird gesegnet
Lass uns daran glauben
Auch wenn wir aufgeben wollen
Gib uns die Dreistigkeit, mehr zu verlangen
Mach uns hungrig nach Dir
Lehr uns beten: Ich lass Dich nicht
Das kann doch nicht alles sein
Auf uns wartet ein Segen
(Dorothee Soelle)
Pfarrer i.R. Andreas Pasquay
Die Trauerfeier für Sigrid Stucky-Tietjen findet am Freitag dem 20.2.2026 um 11 Uhr in der Erlöserkirche statt.
