Übers Wasser gehen

Predigt von Superintendent Gert-René Loerken mit Matthäus 4, 22-33
Sonntag, 29.1.2017, Johanneskirche Langenfeld
Gottesdienst mit Entwidmung der Johanneskirche

Matthäusevangelium 4, 22-33
22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe.
23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.
24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.
25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See.
26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.
27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!
28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.
29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.
30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!
31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
32 Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich.
33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Diesen Gottesdienst heute feiern wir in der Gemeinschaft mit Millionen von Christinnen und Christen, die auch heute zusammengekommen sind in Kirchen, in Gemeindehäusern, in geschützten Räumen, in Hütten, in privaten Räumen und manchmal auch unter freiem Himmel.

Ich erwähne das deshalb, weil wir heute den Tansania Sonntag in unserem Kirchenkreis, in allen Gemeinden feiern, und damit auch besonders an die Menschen dort denken, mit denen wir auf besondere Weise verbunden sind.

Es gab letztes Jahr ein starkes Erdbeben. 11 Menschen sind in der Region gestorben, Häuser sind zerstört worden und auch Kirchen und Gemeindehäuser sind davon betroffen.

Wir bekommen hier in Deutschland davon relativ wenig mit. Deshalb ist es gut, dass es solche Partnerschaften gibt, damit wir davon erfahren und ein Stück Hilfe geben können. Ein bisschen können wir so Not lindern und die Menschen unterstützen.

Wie gesagt – auch dort wird heute auch Gottesdienst gefeiert –in der Gemeinschaft der Christenheit.

Und möglicherweise wird dort heute auch der Predigttext dieses Sonntages ein Thema sein. Wir haben ihn vorhin schon in der Lesung durch Herrn Frank gehört. Die Geschichte des Seewandels. (Mat. 14, 22-33)

Matthäus erzählt also, dass die Jünger, während Jesus an Land zurückgeblieben ist, in ein Boot gestiegen sind und sich auf der Fahrt über den See Genezareth befinden.  Und nun wörtlich: Um die vierte Nachtwache aber kam er zu ihnen, auf dem See wandelnd. Als sie ihn auf dem See wandelnd erblickten, wurden sie ganz bestürzt, meinten, es sei ein Gespenst und schrieen vor Furcht. Sofort aber redete er sie an und sprach: „Fasst Mut, ich bin’s, fürchtet euch nicht!“ Petrus aber antwortete ihm und sprach: „Herr, wenn du es bist, so lass mich zu dir kommen über das Wasser.“ Er sprach: “Komm!” Und Petrus stieg aus dem Boot und wandelte über das Wasser dahin und kam an Jesus heran.  – Als er aber den Wind sah, ward ihm angst, und er begann zu sinken und schrie: “Herr, hilf mir!”Sofort streckte Jesus seine Hand aus, ergriff ihn und sprach zu ihm: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die im Schiff aber fielen vor ihm nieder und sprachen: Wahrlich, du bist Gottes Sohn!”

Soweit die Geschichte.

Wenn man sich das etwas bildlich vorstellt: Es ist Nacht. Es ist dunkel. Immer noch dunkel. Um die vierte Nachtwache. Das ist die Zeit, in der zaghafte erste Lichtschimmer die Dunkelheit durchdringen, Nebel liegt auf dem See und in der Ferne ahnt man schemenhafte Umrisse … Poetisch gesagt. Es ist die Zeit zwischen Tag und Traum. Je länger ich lebe desto mehr erinnere  ich diese Zeiten: zwischen Tag und Traum. Und es macht mir klar, es gibt andere Formen der Wahrnehmung. Die Welt der Zahlen und Fakten, Empirie, Messen, Wägen, Auswerten, wirtschaftliches Handeln, das ist in der Regel unsere Welt.

Was wir erleben zwischen Tag und Traum, macht eins deutlich. Es gibt die Welt nicht so wie sie ist für immer, sondern sie  muss gestaltet werden, sie muss immer wieder neu gestaltet werden. Und als Christinnen und Christen spielen wir dabei eine wichtige Rolle.  Weil wir davon leben, dass unser Leben am Ende ganz anders bestimmt ist: Es gibt eine andere Wirklichkeit, die geprägt ist von Ehrlichkeit, von Verlässlichkeit, von Vertrauen, Respekt und Liebe zu den Menschen. Und das ist das, was wir Glauben nennen. Es ist kein Zufall, dass ich heute hier stehe und zu Ihnen rede, es ist kein Zufall, dass Sie als Presbyterium hier sind an diesem Tag, – vor ein paar Jahren oder vielleicht sogar Monaten hätten Sie sich das möglicherweise gar nicht vorstellen können. Und es ist kein Zufall, dass ihr als Pfarrerinnen und Pfarrer hier seid an dieser Stelle mit all euren Gaben und Kompetenzen. Denn Gott hat euch an diese Stelle gesetzt. Er wollte euch hier haben in all den Entwicklungen dieser Gemeinde.   Und das – und genau das –  macht uns verlässlich und redlich und vertrauensvoll als christliche Gemeinde, das ist unsere Sendung. Nicht weil wir uns das selbst ausgesucht haben, Gott hat uns an diese Stelle gesetzt, um diese Aufgabe zu übernehmen und in seinem Namen zu handeln nach bestem Wissen und Gewissen.

Kommen wir zurück zu der Geschichte vom Seewandel. Das Matthäus Evangelium bietet eine ganz besondere Variante: Lukas kennt sie gar nicht, Markus und Johannes erzählen nur die Geschichte von Jesu Seewandel. Bei Matthäus hingegen ist die Geschichte vom Seewandel des Petrus hinzugefügt zu der Erzählung über die Erscheinung Jesu auf dem See. Die religionsgeschichtliche Forschung hat festgestellt, dass es solche Erscheinungs-geschichten auch außerhalb des Christentums in der Antike häufig gegeben hat. Die Form dieser Erzählung ist also keineswegs spezifisch christlich. Sie entspricht vielmehr, wie nachgewiesen ist, ganz dem Stil antiker Erscheinungsgeschichten.  Typisch dafür sind das Erschrecken und die Scheu derer, denen die Gottheit erscheint. Typisch ist ferner das Offenbarungswort: Ich bin’s, fürchtet euch nicht!” – die alte Begrüßungsformel des sich offenbarenden Gottes, die hier von Jesus gesprochen wird. Wir erinnern uns: im Weihnachtsevangelium ist es der Engel des Herrn, der den ängstlichen Hirten sagt: “Fürchtet euch nicht!” Charakteristisch für solche Wundergeschichten ist schließlich noch – dem antiken Chorschluss gleich – das abschließende Bekenntnis, in diesem Falle: „Wahrlich, du bist Gottes Sohn!“

Das Besondere an dieser Erzählung ist also nicht, dass jemand auf wunderbare Weise über das Wasser gehen kann und als Retter erscheint; dergleichen hat man in der alten Welt auch von anderen göttlichen Menschen zu berichten gewusst, sondern dass Jesus sich offenbart in göttlicher Vollmacht, so dass die Jünger bekennen: „Wahrlich, du bist Gottes Sohn!“

Eben das und nur das ist das Christliche dieser Wundergeschichte: sie verkündet in einer Welt voller Gottheiten, dass Jesus und nur er der wahre Gottessohn ist.

Das ist das Bekenntnis des christlichen Glaubens: In Jesus ist Gott gegenwärtig. Und in ihm können Menschen erkennen, wer Gott ist und wie Gott ist. Matthäus hat nun in diese Geschichte die Legende vom seewandelnden Petrus eingeschoben – eine Legende, das will sagen: hier liegt eben sowenig ein historischer Bericht vor wie bei der Erzählung vom Seewandel Jesu.  Wir wissen, dass nach den physikalischen Gesetzen unserer Welt, die auch vor 2000 Jahren keine anderen waren als heute, kein Mensch auf dem Wasser gehen kann – kein Petrus und auch nicht Jesus von Nazareth. Anderenfalls würden wir leugnen, dass er wirklicher Mensch war.

Letztlich geht es aber nicht um dieses Mirakel, sondern um eine wichtige Botschaft, die Matthäus weitergeben möchte. Wir erinnern uns – von allen Evangelien wird sie nur bei Matthäus erzählt: Es ist also eine besondere Dichtung (in der Fachsprache nennt man das auch „Sondergut“) – Das Ziel ist es, den Zuhörern die Wahrheit des christlichen Glaubens noch einmal für ihr Leben deutlich zu machen.

Was ist die Wahrheit dieser Geschichte? Interessant ist der Vergleich mit einer buddhistischen Geschichte, die einige Parallelen aufweist. Sie erzählt von einem Jünger, der sich eines Abends zu Buddha begeben will und auf seinem Weg am Ufer des Flusses Aciravati das Fährboot nicht findet.  Im gläubigen Vertrauen auf Buddha betritt er das Wasser und wandert auf ihm wie auf festem Lande bis in die Mitte des Flusses. Da erwacht er aus den freudigen Gedanken an Buddha, in die er sich versenkt hatte, bemerkt mit Schrecken die Wellen, und seine Füße fangen an zu sinken. Aber er zwingt sich zu erneuter Versenkung und gelangt durch deren Kraft glücklich ans andere Ufer und zu dem Meister.

Was diese Legende sagen will, ist: Mit der Kraft der eigenen Versenkung in Buddha kann sein Jünger das sonst Unmögliche vollbringen und über das Wasser schreiten.  Was ihn über Wasser hält, ist seine besondere Leistung, sein Sich-in-Buddha-Versenken.

Matthäus dagegen sagt: Wer sich auf das Wort Jesu einlässt, wer ihm glaubend folgt, der ist gehalten, weil Jesus ihn hält. Der ist gehalten auch da, wo sich ein Abgrund auftut. Er kann – bildlich gesprochen – über “die Wasser des Todes”, von denen uralte Mythen sprechen, hinwegschreiten.  Er kann mit Jesus über das Wasser gehen. Über die Wasser des Todes gehen –Wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird – Nichts mehr so ist wie vorher – und nie mehr so sein wird. Grundsätzlich betrifft das jede Situation, in er das Leben aus den Fugen gerät: Wenn man einen lieben Menschen verliert, wenn man erfährt, dass man eine schwere Krankheit in sich trägt, wenn die Lebenspläne, für die man alles eingesetzt hat, wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Das sind die Momente, in denen man unterzugehen droht.

Vielleicht sind manche auch heute Morgen mit  ähnlichen Gefühlen hierhergekommen. Natürlich ist nicht die Existenz bedroht, es ist zum Glück auch niemand gestorben, aber mit dieser Kirche sind Erinnerungen verbunden und mit ihrer Schließung geht auch ein Stück Geschichte dieses Stadtteils und der eigenen Lebensgeschichte zu Ende. Ich kann mir vorstellen, auch den Mitgliedern des Presbyteriums geht es so. Niemand wünscht sich ein solches Ereignis. Viel schöner wäre es, könnten wir heute ein fröhliches Fest feiern, eine Eröffnung, einen Neuanfang. Wir sind momentan insgesamt in unserer Kirche in der Situation, dass wir schwierige Entscheidungen treffen müssen. Und da steht Langenfeld nicht alleine. Es mag ein schwacher Trost sein, dass es anderen Gemeinden noch schlechter geht, aber es hilft einem, auf dem Boden der Realität zu bleiben.

Es gibt Entscheidungen, da muss man übers Wasser gehen, und darauf vertrauen, dass Jesus, dass Gott – einem die Hand reicht und einen hält. Oscar Romero, legendärer Bischof von El Salvador, hat einmal sehr treffend beschrieben, was unsere Aufgabe als Christinnen und Christen in dieser Welt ist: „Es hilft, dann und wann zurückzutreten und die Dinge aus der Entfernung, aus der Weite  zu betrachten.

Das Reich Gottes ist nicht nur jenseits unserer Bemühungen. Es ist auch jenseits unseres Sehvermögens. Wir vollbringen in unserer Lebenszeit lediglich einen winzigen Bruchteil jenes großartigen Unternehmens, das Gottes Werk ist. Nichts, was wir tun, ist vollkommen. Keine Predigt sagt alles, was gesagt werden könnte. Kein Gebet drückt vollständig unseren Glauben aus. Keine Zielsetzung beinhaltet alles und jedes. Dies ist unsere Situation. Wir können nicht alles tun. Es ist ein befreiendes Gefühl, wenn uns dies zu Bewusstsein kommt. Es macht uns fähig, etwas zu tun und es sehr gut zu tun. Es mag unvollkommen sein, aber es ist ein Beginn, ein Schritt auf dem Weg, eine Gelegenheit für Gottes Gnade, ins Spiel zu kommen und den Rest zu tun.

Wir mögen nie das Endergebnis zu sehen bekommen, doch das ist der Unterschied zwischen Baumeister und Arbeiter. Wir sind Arbeiter, keine Baumeister. Wir sind Diener, keine Erlöser. Wir sind Propheten einer Zukunft, die uns nicht allein gehört. ” Viel besser kann man nicht ausdrücken, wo unser Weg hingeht, welche Aufgabe jede, jeder einzelne hat in dieser Welt, in diesem Leben, in dieser Kirche. Heute nehmen wir Abschied, heute gehen wir dabei ein Stück über das Wasser. Aber wir werden weitergehen.  Auf dem Weg jenes großartigen Unternehmens, das Gottes Werk ist. Und Gott wird uns seine Hand dabei reichen und uns halten.
Amen.

 

 

Foto: Bleckmann