Gottesdienst am Toten-/Ewigkeitssonntag
23.11.2014, Martin-Luther-Kirche Langenfeld-Reusrath
Pfarrer Christof Bleckmann

Gebet

Gott, wir mussten Abschied nehmen, mussten eingestehen, dass man da nichts machen kann. Wir erlebten Ohnmacht und Schmerz. Wir kommen zu dir und bitten dich um Trost. Gib uns etwas anderes als die dahingesagte Floskel, gib uns Zeit zum Trauern, wenn die anderen wollen, dass wir schnell wieder funktionieren. Nimm uns in deine Arme, wärme uns, dass wir das Leben spüren, schütze uns, dass wir nicht noch mehr verletzt werden. Zeige uns, wie wir leben können. Amen.

Gebet

Ob ich es spüre oder nicht, du, Gott, bist mir nah. Ein Gebet weit bist du von mir entfernt. Du, mein Gegenüber. Du hörst mich. Du stärkst mich. Ich öffne mich Deinem Wort. Komm, sprich zu mir, und sprich mir Mut zu. Sprich mich frei. Amen.

Predigt

mit Hebräer 4,9-11:

9 Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.
10 Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen.
11 So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen.

Beim Begräbnis fällt dreimal Erde ins Grab: „Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden.“ Eine archaische Geste, berührend und echt. Es ist wie Loslassen, es ist eine letzte körperliche Geste, es ist wie der Anfang vom Zuschaufeln des Grabes. Zu Erde wird, was wir in die Erde legen. Ein natürlicher Vorgang, elementar, ursprünglich, konkret.

Von Erde genommen – das erinnert an die die biblische Schöpfungsgeschichte, in der Gott Menschen formt aus feuchtem Lehm und ihnen dann das Leben einhaucht. Leben durch den Atem Gottes, den Odem. Aber das Ausgangsmaterial ist ganz einfach Erde, von der es im Land der Bibel scheinbar unendlich viel gibt.

Auch der Schreiber des Hebräerbriefes erinnert an die Schöpfung. „Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von seinen.“ Menschlicher kann man von Gott nicht sprechen. Auch der Schöpfer wird müde. Und ruht nach getaner Arbeit.

Manchen Menschen ist es vergönnt, so zu sterben: nach einem Leben, das Kraft forderte und diese Kraft dann im Alter aufgezehrt wurde. Dann kommt zur Ruhe, was ein Leben lang tätig war. Ein natürlicher Vorgang. Der Schmerz des Abschieds bleibt, aber es scheint ein barmherziges Licht auf diesen Abschied, so wie Sonne nach einem Arbeitstag den Feierabend in goldenes Licht taucht. So ist das, so soll es sein.

Es schmerzt, wenn Menschen diesen Weg aus der Tätigkeit zur Ruhe und in den Tod schneller gehen mussten, überraschender, gewaltsamer. Oft ist es Krankheit, die einem Kräfte nimmt, noch bevor man richtig alt werden konnte. Es bleibt das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein. Es bleibt das Gefühl, dass einem Leben genommen wurde, das man noch so gern gelebt hätte.

Trauernde sehnen sich nach Ruhe und zugleich fürchten sie sie. Verwitwete fühlen sich manchmal unwohl in der zuvor gemeinsam bewohnten Wohnung. So ein Haus kann so unglaublich still sein. Die gewohnten Geräusche fehlen. Nein, soviel Ruhe liegt nicht jedem.

Trauernde sehnen sich nach Ruhe, weil Trauer ein anstrengender Vorgang ist. Körperlich und seelisch anstrengend. Manchmal sind es grundlegende Beziehungen, die beendet sind – dann muss man sich umfangreich neu sortieren. Der Freundeskreis kann sich ändern, die Familienkonstellation. Ich will gar nicht sprechen von der Unruhe und geradezu Geschäftigkeit, die einen erfasst, wenn man die Beerdigung eines Angehörigen organisieren muss. Bleibt Zeit zur Trauer, wenn man hin und her switcht zwischen Bestatter und Pfarrer, Florist und Steinmetz, Standesamt und Amtsgericht? Vielen tut es gut, etwas zu tun zu haben, aber viele sehnen sich auch, Ruhe zu haben für einen persönlichen Abschied, eine eigene Trauer.

Der Predigttext enthält wie so oft eine gnädige Botschaft und eine Herausforderung. Die gnädige Botschaft lautet: „Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.“ Und das will ich hören als Zuspruch an Menschen, die sich sehnen nach einem Moment der Trauer, einer Zeit des Innehaltens, nach einem inneren Freiraum, wo man nicht getrieben ist, auch nicht wankt und stolpert, sondern sich in Ruhe auf Wesentliches besinnt. Es ist noch Ruhe vorhanden – Ruhe ist möglich. Sie ist real. Sie ist da.

Und die Herausforderung lautet: „So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen.“  Es scheint paradoxerweise eine Aktion zu sein, wenn man zur Ruhe finden will. Das können Menschen unserer Tage bestätigen: Es ist richtig anstrengend, sich notwendige Ruhe zu gönnen. Das Telefon und Smartphone abschalten, keine E-Mails beantworten, das Hamsterrad verlassen. Trends großzügig ignorieren, Neuigkeiten überhören. Freizeitstress vermeiden. Und auch für Trauernde ist es eine zuweilen kräftefordernde Aktion, die vielen guten Ratschläge, die man möglicherweise zu hören bekommt, was man jetzt alles tun soll, um aus dem Loch herauszukommen, also diese Ratschläge gelassen zu überhören und sich im eigenen Tempo wieder dem Leben zuwenden.

Im Evangelium sagt Jesus an einer Stelle zu seinen Jüngern: Ruhet ein wenig. Eine fast idyllische Vorstellung, wie die Jünger in der Landschaft Galiläas ausruhten. Und ein bleibendes Signal, dass ganz selbstverständlich zu unserem Menschsein beides in einem guten Verhältnis stehen muss: Spannung und Ruhe, Arbeit und Muße, Kräfte einsetzen und Kräfte sammeln.

Und am Ende soll es dann eben so sein, dass uns bleibende, ewige Ruhe bevorsteht. Ruhe in Frieden, sagen wir unseren Verstorbenen zu, und mit diesem Wunsch verbunden ist unser Gefühl, dass der Tod Unruhe und Umhergetriebensein gnädig beendet. Ich erinnere mich an unruhig Sterbende, bei denen man wirklich dachte: der Tod schenkt ihnen die ersehnte Ruhe. Aber ich denke auch an Patienten, die friedlich und ruhig, pflegerisch und medizinisch gut versorgt aus dem Leben schliefen, so kann man es wirklich sagen. Sterben möchte keiner, aber wenn es denn sein muss, möchte ich so sterben: gut versorgt, an der Hand eines anderen, und, um das inzwischen verbreitete Wort zu wiederholen, nicht durch die Hand eines anderen. Ich habe diesen Ausspruch vor vielen Jahren schon von Margot Käßmann gehört und dankbar aufgenommen. Die EKD-Reformationsbotschafterin sagte zuletzt noch einmal sehr eindringlich: Sterben braucht Zeit und Zärtlichkeit. Sie wünsche sich, dass wir für die Sterbenden Zeit haben. Es kann sein, dass organisierte Sterbehilfe denen gerade das nimmt, was sie am meisten ersehnen: in Ruhe sterben zu können, zu dem Zeitpunkt, wann Gott es will. Diese letzte Zeit kann zu einer der intensivsten Lebensphasen werden, auch für die Angehörigen und Freunde, die sich um sie kümmern. „So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen“, möchte ich mit dem Herbräerbrief sagen: lasst den Sterbenden Zeit und lasst uns alles tun, dass Sterbende diese Zeit haben. Amen.

Gebet

Wir bitten für die Verstorbenen des Jahres 2014 nicht nur hier bei uns, sondern auch weltweit.
Für die Opfer der Kriege und des Terrors, für alle, die durch Krankheiten und Epidemien starben. Wir bitten für die Menschen, die in Überschwemmungen, bei Dürren und durch Taifune umkamen.
Wir bitten für die Flüchtlinge, die fern ihrer Heimat sterben mussten.
Schenke ihnen, ihren Hinterbliebenen und einmal uns allen deinen neuen Himmel und deine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt!

Geh mit uns in diesen Tag und in unseren Alltag. Zeig uns wie wir leben können. Und segne uns, du Gott des Lebens.