Ich war halt immer mitten drin

Leni Schmidt wurde 1928 in Duisburg geboren und kam 1957 mit ihrem Mann Adolf von Rommerskirchen, wo er als Hilfsprediger arbeitete, nach Reusrath. Er trat damals im Alter von 36 Jahren an der Reusrather Kirche (heute: Martin-Luther-Kirche) seine erste Pfarrstelle an und blieb bis zu seinem Ruhestand im Jahre 1983. Schmidts haben neun Kinder, davon ein adoptiertes, die zwischen 1957 und 1966 geboren sind. Nach dem Tod ihres Mannes 1987 blieb Frau Schmidt zunächst in Langenfeld wohnen und lebt seit nunmehr 6 Jahren im Wohnstift Haus Horst in Hilden, wo sie sich sehr wohlfühlt. Am 1. November 2013 wird sie 85 Jahre alt.

Frau Schmidt, was fällt Ihnen spontan zu Kirche in Langenfeld ein, wenn wir jetzt auf die „alten Zeiten“ zu sprechen kommen?

Als mein Mann im November 1957 seine erste richtige Pfarrstelle in Reusrath antrat, war Pfarrer Johannes Lauer gerade vier Monate vorher neu an die Erlöserkirche in Immigrath gekommen. Er hatte dort 6000 Seelen in seiner Gemeinde zu betreuen, mein Mann mit einer halben Stelle 1800 und zur anderen Hälfte die Landesklinik. Es war ein riesengroßer Bezirk und keiner hatte ein Auto. Alle fuhren mit dem Fahrrad. Mittwochs und samstags waren in der Landesklinik Beerdigungen, sonntags war um 8 Uhr dort Gottesdienst, um 9.30 Uhr in Reusrath und um 11 Uhr dann noch Kindergottesdienst. Außerdem machten beide noch Vertretung für Langenfeld-Mitte, weil die Pfarrstelle dort nach dem Tod des Amtsinhabers erst im Herbst 1958 mit Pfarrer Schreiber wiederbesetzt wurde. Es ging das ganze Jahr durch, ohne Rast und Ruh. Nur 4 Wochen Urlaub hatten wir.

Als wir im November anfingen, wohnten wir zuerst im alten Pfarrhaus, der heutigen Diakonie-Sozialstation. Das Gebäude war damals sehr angegriffen und die Wände nass, besonders bei schlechtem Wetter. Zu Neujahr kam Superintendent Johannes Lutze zu Besuch und meinte: „Hier könnt ihr nicht wohnen bleiben. Wir geben der Gemeinde das Geld für einen Neubau“. Das waren dann 100.000 Mark. So fingen die Bauarbeiter an auszuschachten genau am Geburtstag unseres zweiten Kindes am 1. September 1958. Im Sommer 1959 fand der Umzug statt.

1955, als wir heirateten, hatte ich gerade eine Anstellung als Lehrerin in Duisburg und mein Mann war  noch Hilfsprediger (als Teil der recht langen Ausbildung). Damals musste man als Pfarrersfrau aus dem Beruf gehen und war verpflichtet, seinem Mann zu helfen. Das hat sich erst Anfang der 60er Jahre gelockert, aber da hatten wir schon so viele Kinder („jedes Jahr eins“), dass ich nicht auch noch berufstätig sein konnte.

Wie gestaltete sich „Alltag“ damals für Sie im Pfarrhaushalt?

Mein Mann war viel unterwegs und wurde auch oft außer der Reihe nach Galkhausen gerufen. Dann haben sich die Leute an mich gehalten und mir alles erzählt. Das war nicht einfach für mich. Dadurch hatte ich allerdings auch guten Kontakt zur Gemeinde.

Jeder Pfarrer hatte damals eine Schwester oder Diakonisse als Hilfe, die z. B. die Frauenhilfe gestaltete und half, wenn etwas Besonderes war, außerdem zur Pflege in der Gemeinde. In der Jugendarbeit hat ein junges Mädchen mitgeholfen, das sich mit den Kindern beschäftigte. Ich habe den Katechumen- und Konfirmanden-Unterricht gemacht, wenn mein Mann weg musste, außerdem zeitweise den Kinderchor. Als 1966 das Gemeindehaus in Reusrath gebaut wurde, entstand ein ökumenischer Bibelkreis wie auch ein großer ökumenischer Altenkreis mit 60 bis 80 Leuten, um den sich meine Schwester Hanna und später auch der katholische Pfarrer Ravens kümmerten. Im nachhinein habe ich manchmal gedacht, dass alles ein bisschen viel war. Mein Mann hatte auch nicht genug Zeit, die Leute zu besuchen. Das hätte er gerne gemacht und hätte bestimmt auch mehr sein sollen. Aber die Leute kamen halt zu uns. Vom Familienleben blieb damals wirklich nicht viel übrig.

Können Sie sich erinnern, was Sie dachten, wenn Ihr Mann zur einer Presbyteriumssitzung aufbrach?

Ich hatte immer ein ungutes Gefühl. Damals habe ich alles sehr ernst genommen und fühlte mich mit verantwortlich. Heute würde ich manches lockerer sehen, aber ich war halt immer mitten drin. Das Presbyterium bestand damals aus 12 Leuten, davon waren sechs Lehrer. Es war fürchterlich. Die Lehrer wussten immer alles besser. Es wurde unendlich viel palavert und mein Mann war manchmal erst um ein Uhr in der Nacht zu Hause.

Es war ja auch politisch eine schwere Zeit. Mein Mann war Kriegsdienstverweigerer und hat seinen Mund nicht gehalten. So gab es oft Streitereien.

Und was hat Ihr Mann bei seinem Aufbruch zur Sitzung wohl gedacht?

Er hat das alles nicht so tragisch genommen. Dadurch, dass er den Krieg mitbekommen hatte, hatte er schon sehr viel erlebt, bis er schließlich mit 36 Pfarrer war. Er konnte gut reden und da konnte ihm niemand so recht etwas anhaben.

Mit welchen Menschen aus dem damaligen Gemeindeleben hatten Sie am meisten Kontakt?

Vor allem mit den Frauen aus der Frauenhilfe. Es wurden sehr viele Handarbeiten gemacht, die einmal im Jahr in der Gemeinde verlost wurden. Später gab es dann stattdessen einen Basar.

Im Grunde war es so, dass man als Pfarrersfrau keine richtigen Freundschaften in der Gemeinde schließen konnte, vor allem nicht im Dorf. Man sollte irgendwie souverän und unabhängig bleiben und für alle in gleicher Weise da sein. Freundschaften sind erst entstanden, als mein Mann pensioniert war und ich damit nicht mehr als Pfarrersfrau da war. Man musste vorher immer darauf achten, dass keine Cliquen entstehen. Das hat wahrscheinlich viel mit den unterschiedlichen Rollen zu tun.

Ansonsten hatte ich guten Kontakt zu meinem Schwiegervater, der oft aus Bremen kam und den Garten in Schuss hielt. Mittwochs hatte meine Schwester nachmittags frei, kam dann zu uns und spielte mit den Kindern. Manchmal habe ich gedacht: „Wieviel Hausarbeit schafft man doch, wenn man mal dranbleiben kann.“ Frau Schreiber, die Frau des Pfarrers der Johanneskirche, kam jeden Freitag vorbei und hat dann viel mitgeholfen. Nach der Geburt unseres siebten Kindes hatte sie wohl das Gefühl, etwas tun zu müssen und zu können. Sie hat z. B. für zwei Tage Kartoffeln geschält, gebügelt oder bei den Kindern nach den Hausaufgaben geschaut. Das war so wertvoll für mich. Ich weiß gar nicht, wie ich das damals alles geschafft habe.

Woran hat es in der damaligen Zeit in der Gemeinde gefehlt? Haben Sie etwas vermisst?

Nein, ich habe eigentlich nichts vermisst. Ich war immer ein zufriedener Mensch und habe die Dinge so genommen, wie sie kamen. Wir waren relativ gesund und man muss dankbar sein für das, was man hat.

Allerdings war es damals so, dass die Pfarrer untereinander privat so gut wie nichts miteinander zu tun hatten. Das finde ich etwas merkwürdig. 1973, in seiner Anfangszeit, hat Pfarrer Schmidtmann in Richrath mal einen gemeinsamen Abend veranstaltet. Daran kann ich mich noch erinnern. Aber sonst war gar nichts.

Und was hat Ihnen am meisten Freude bereitet?

Schön war es immer, wenn Weihnachtsfeiern waren. Mein Mann konnte das gut. Wir haben Aufführungen gemacht und es waren immer Kinder dabei, die Musik gemacht haben.
Später, nach dem Tod meines Mannes 1987, wurde ich auf Anregung seines Nachfolgers Pfarrer Werner Köhl Mitglied des Presbyteriums. Auch die Frauenhilfe habe ich dann allein übernommen und im Richrather Krankenhaus 10 Jahre lang als grüne Dame gearbeitet. Das hat alles sehr viel Freude gemacht. Ich war ja freier und hatte nicht mehr so viele andere Sorgen.

Was hat sich im Laufe der Zeit in der Gemeinde verändert?

Vieles hat sich total verändert. Ich kann noch nicht mal sagen, wieso. Auch die Gemeinde ist anders geworden. Ich meine, früher wären die Menschen noch dankbarer gewesen. Möglicherweise sind auch die Ansprüche höher geworden.

Eine letzte Frage, Frau Schmidt: Was ist Ihnen aus all den Jahren mit „Kirchens“ am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben?

Schön war, dass ich mit meinem Mann zusammen arbeiten konnte. Er hat mich immer teilhaben lassen. Ich war halt immer mitten drin. Das lief zwar nicht immer in meinem Sinne, aber das war nicht so schlimm. Man lernt ja auch daraus. Allerdings hat es in der Gemeinde auch viele Kämpfe gegeben. Trotz aller Sorgen und der vielen Arbeit war ich immer zufrieden mit meinem Leben – nicht unbedingt immer mit mir selbst. Es gab sehr viele schöne Momente.

Das Gespräch fand am Freitag, 21. Juni 2013, statt. Die Fragen stellte Regine Friese.

Foto: Regine Friese