„Die „Schreibstube Sütterlin“ gibt es nicht mehr!“

Mit diesen Worten begrüßte mich quasi Christl Sommerfeld am 5. Juli zum Gottesdienst in der Martin-Luther-Kirche. Ich hatte ihr vor dem Gottesdienst den neuen Flyer zur Lebensbegleitung in die Hand gegeben und darauf – wie gewohnt – die „Schreibstube Sütterlin“ mit den Kontaktdaten vermerkt. Ein wenig wehmütig sagte sie dann „Wir sind 13 Jahre lang jetzt fast wöchentlich donnerstags zusammengekommen und haben zu einem Impuls von mir, Geschichten aus unserem Leben geschrieben, aber darüber bin auch ich älter geworden. Einige von uns sind schon verstorben und wir werden alle gebrechlicher. Ich schaffe das einfach nicht mehr. Auch wenn sich die Frauen gefreut haben, dass ich ihnen zu Corona-Zeiten noch wöchentlich telefonisch Impulse gegeben habe, wozu sie dann eben zu Hause ihre Geschichten aufgeschrieben haben. So habe ich vor wenigen Wochen dann offiziell diese Schreibstubenzeit schweren Herzens beendet!“

Ich kann Frau Sommerfeld verstehen, denn alles im Leben hat SEINE Zeit, wie es so schön im Predigerbuch (3.Kapitel) unserer Bibel heißt. Dennoch bedauere ich dieses Ende sehr und hoffe, dass sich jemand findet, der einen Neuanfang wagt im Bereich des biographischen Schreibens. Ich war damals sehr beglückt, als Christl Sommerfeld, sich entschloss, hier in Langenfeld, solch eine Gruppe ins Leben zu rufen, nachdem sie zunächst selbst eigene Erfahrungen im biographischen Schreiben in Düsseldorf gemacht hatte.

Ihr und der gesamten Schreibstube danke ich sehr für ihr Engagement. So manch eine Geschichte hat den Weg in die Gemeindegruppen gefunden. Die geschriebenen Erzählungen wurden von ihren Autorinnen selbst vorgetragen, haben Feste bereichert, für Lacher gesorgt und immer wieder eigene Erinnerungen ausgelöst. Dadurch sind auch viele spannende Gespräche entstanden. Alle Geschichten sind gewachsen aus der eigenen Lebenserfahrung und den verschiedensten Gefühlen ihrer Schöpferinnen dazu. Aus Fremden wurden Freunde, die über Jahre ein Stück ihres Lebens miteinander geteilt haben.

Ich sage DANKE für dieses kleine Netzwerk, von dem wir alle profitiert haben und wünsche allen Beteiligten eine segensreiche Zeit der weiteren Reifung für den Himmel, der uns alle erwartet.

Angela Schiller-Meyer, Pfarrerin

 

Frau M. Koopmann ließ uns zwei Geschichten aus der Schreibstube Sütterlin zukommen.

Sie schreibt:

Es ist lange her, endlos lange, meine Mutter war ein Fräulein, so sagte man damals zu den jungen Frauen. Sie ging sehr gern tanzen, lachte viel und – hatte ein paar neue Schuhe. Stolz war sie auf das Paar aus herrlich grauem Wildleder. Sie war auch bei ihren Großeltern, also meinen Urgroßeltern zu Besuch und erlebte ein dramatisches Ereignis.

Mein Urgroßvater hatte die Angewohnheit, so etwas gibt es ja, die Schuhe der Familie zu säubern. Er nahm sich auch diese grauen Schuhe meiner Mutter vor. Was war das, für ihn ein eigenartiges Leder? Rau, beziehungsweise samtig wie eine Haut, das stimmte doch nicht. Er hatte doch so viele große und kleine, dunkle und helle Schuhe schon geputzt. Was sollte er mit diesen grauen Schuhen machen?

Er putzte sie einfach, wie alle Schuhe mit Schuhcreme, ein Schuh hatte ordentlich zu glänzen, basta! Was sollte dieser neumodische Kram.

 

Später kam meine persönliche Erfahrung mit so einer Geschichte dazu:

Meine Tochter hatte ihren ersten Pullover gestrickt, aus relativ dicker Wolle. Viel Geduld und Aufmerksamkeit hatte das gute Stück gefordert. Endlich war es fertig geworden und getragen werden konnte er auch. Das hatte meine Tochter ausprobiert.

Die erste Wäsche war fällig. Wie immer, schnell in die Waschmaschine, ich hatte viel zu tun. Wäsche gab es genug im fünfköpfigen Haushalt.

Ich erinnere mich noch genau an meinen riesengroßen Schrecken, als ich das gute Stück aus der Maschine nahm. Ich hatte ihn zu heiß gewaschen!!!

Es tat mir sooo leid, für meine Tochter, das erste fertige Strickprodukt, selbst angefertigt, hatte ich verdorben. Eine klein Unaufmerksamkeit hatte die ganze Freude zunichte gemacht, ins Gegenteil verkehrt. Meine Tochter war unendlich traurig und mir ging es nicht viel anders, ich hatte ihr die Freude verdorben.

 

„Falten“ – verfasst am 21.6.2012 von M. Koopmann

Falter falten ihre Flügel – Flyer werden meistens auch gefaltet – Origami nennt man das kunstvolle Falten von Papier – einfacher zu falten ist der Papierflieger. Ich erinnere mich noch gern an das Wäschefalten nach dem Mangeln – in meiner Kindheit – weniger gern an das Falten gebügelter Tischdecken in meinem eigenen Haushalt.

Mit über 73 Jahren kommen mir noch andere Falten in den Sinn, auch als Runzeln bezeichnet. Runzeln heißen Falten im Alter – im Gesicht, am Körper, auch an den Händen.

Lachfalten kann man schon in jungen Jahren besitzen, Lachfältchen um die Augen können ein sehr liebenswertes Attribut der Persönlichkeit sein.

Runzeln erscheinen weniger liebenswert und dennoch, sie verraten viel über das gelebte Leben eines Menschen, sie sind ausdrucksvoller als die Fältchen der jüngeren Jahre. Sie sind tiefer und sprechen eine lautlose Sprache, erzählen über den Träger und die Trägerin, ob gewollt oder ungewollt.

Sie künden von Freude und Leid eines langen Lebens. Sie gehören zu dem „Unikat“ Mensch dazu.

Nicht jeder trägt sein „Leben“, sprich Runzeln oder Falten öffentlich mit Fassung. Da das heutige „Jugendlich-sein“ eine große Rolle spielt, unternimmt manch einer mühsame und teure Torturen, um jung auszusehen.

Ich glaube, man betrügt sich selber. Die inneren Falten und Narben zählen, sie haben ein starkes Gewicht. Sie sprechen nicht nur von Verfall, sie künden auch von Erfahrung, Reife, Verstehen – sie erzählen von einem gelebten Leben.

 

Foto: Simone Hainz  / pixelio.de