Waltraud Berger

Das Gespräch fand am Montag, 20. Januar 2020, statt.
Regine Friese stellte die Fragen.

Waltraud Berger wurde 1939 in Dillenburg (Westerwald) geboren und ist in Rotenburg/Fulda aufgewachsen. Sie lernte Blockflöte, Klavier und später Orgel spielen und beschloss mit 14 Jahren, Kirchenmusikerin zu werden. Sie studierte Kirchenmusik in Düsseldorf und Berlin. Ihre erste Anstellung führte sie nach Hilden an die Erlöserkirche, von wo sie nach acht Jahren an die Langenfelder Erlöserkirche wechselte. Dort war Frau Berger von 1973 bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1999 als Kantorin tätig – angezogen von der größeren Kirche und der wenige Jahre zuvor neu erbauten Orgel. Das Presbyterium wollte die Vielfalt an Chor- und Instrumentalgruppen, die Frau Berger in Hilden sehr erfolgreich aufgebaut hatte, auch in Langenfeld haben.

Seit 1991 wohnt Frau Berger wieder in Hilden.

 

Frau Berger, was fällt Ihnen spontan zu „Kirche in Langenfeld“ ein, wenn wir jetzt auf die „alten Zeiten“ zu sprechen kommen?

Als erstes fällt mir die Erlöserkirche ein. Ich habe ein altes Foto aus der Zeit, als sich die Orgel noch hinter dem Altar befand und auf dem großen Bogen vor dem Chorraum Engel abgebildet waren. Auch kommen mir die damaligen schweren Eingangstüren in den Sinn mit der Aufschrift „Ein feste Burg ist unser Gott“. Die Erlöserkirche sieht ja aus wie eine Gottesburg.

 

Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre wurde erst die Richrather Orgel von der Firma Schuke gebaut und danach die Orgel in Reusrath von der Firma Weyland. Dabei lief nicht alles rund und es brauchte in Reusrath insgesamt drei Bauabnahmen. Während des Einweihungskonzertes blieb dann eine Taste hängen und so musste ich alle Stücke um diesen Ton herum spielen.

 

Was gehörte damals zu Ihrer Arbeit als Kirchenmusikerin?

Zunächst gehörte natürlich das Orgelspiel bei allen Gottesdiensten in der Erlöserkirche dazu, darunter auch viele Trauungen und Beerdigungen. In meinen insgesamt 34 Berufsjahren als Kirchenmusikerin habe ich z. B. bei ungefähr 3000 Beerdigungen gespielt.

Ich habe die Kantorei geleitet und bis zur „Konzertreife“ fortgebildet. Alle zwei Jahre fand ein großes Konzert mit Chor, Solisten und Orchester statt.

Ich habe einen Kinderchor und einen Kinderflötenkreis gegründet und geleitet. Beide haben 1998 ihr 25-jähriges Jubiläum gefeiert.

Ich habe Chortreffen mit Teilnehmern aus allen Bezirken ins Leben gerufen, organisiert und durchgeführt. Aus Wiescheid, Reusrath, Richrath, Mitte und Immigrath kamen dann ungefähr 80 Chorsänger, die gemeinsam geprobt, morgens im Gottesdienst gesungen und nachmittags ein gemeinsames Konzert gegeben haben.

Für alle Orgeln in unseren damals noch fünf Kirchen hatte ich die Fachaufsicht inne, das bedeutete, die Orgeln instandzuhalten und für ihre Pflege zu sorgen.

Schließlich gehörte jedes Jahr in Absprache mit den Kolleginen und Kollegen auch die Aufstellung des Kirchenmusik-Etats, der dem Presbyterium zur Entscheidung vorgelegt wurde, zu meinen Aufgaben.

 

Was bedeutet Ihnen Musik? Musik ist für mich ..

.. die „Sprache der Seele“ oder auch die „Sprache an die Seele“.

 

Wo ist Gott in der Musik? Wie können wir ihn („zwischen den Noten“) spüren?

Gott ist durch Begabungen anwesend. Große musikalische Kunstwerke können nur durch besondere Begabungen, die Gottesgaben sind, zum Leben erweckt werden.

 

Fallen Ihnen ein paar Anekdötchen aus dem Kirchenmusik-Alltag ein?

Einmal hatte sich zu Pfingsten eine Taube in die Kirche verirrt. Während des Gottesdienstes flog sie zwischen Orgel und Kronleuchter hin und her und fand nicht hinaus, da die Fenster nicht weit genug zu öffnen sind.

Ein anders Mal muss eine Katze in der Orgel gewesen sein. Nach Bauarbeiten in der Kirche war die Orgel völlig verstaubt (das hatte den Vorteil, dass sie danach gründlich gereinigt wurde..), und in diesem Staub auf dem Schwelltritt zum Bewegen der Jalousien fanden sich Katzenpfotenspuren. Dazu passt, dass bei einem Beerdigungszug, als die Gemeinde aus der Kirche zum Friedhof ging, gleich nach dem Pfarrer, dem Bestatter und der Trauerfamilie eine Katze mit hoch erhobenem Schwanz mitlief.

Bei einer Karnevalsfeier der Kantorei bin ich mal als Clown verkleidet aufgetreten, habe eine Pantomime aufgeführt, und bis zum Ende hat mich niemand erkannt.

 

Welche sind Ihre liebsten Orgelwerke? Welche sind Ihre liebsten Kirchenlieder? Zu meinen liebsten Orgelwerken gehören (fast) alle Werke von J. S. Bach.

Und meine liebsten Kirchenlieder sind die von Paul Gerhardt, z. B. „Ich steh an deiner Krippen hier“ und „Ich singe dir mit Herz und Mund“, weil „ich“ darin vorkomme (Ich-Lieder).

 

Mit welchen Menschen aus dem damaligen Gemeindeleben hatten Sie am meisten Kontakt?

Das waren ganz klar die Kantoreimitglieder. Mit ein paar von ihnen habe ich noch heute Kontakt!

 

Wieviele Pfarrerinnen/Pfarrer haben Sie in Ihrer Zeit an der Erlöserkirche erlebt?

Es waren insgesamt sieben. Die Pfarrer Lauer, Land und Piechota waren schon da, als ich an der Erlöserkirche anfing, später waren es die Pfarrer Rieß, Maschwitz, Pasquay und Raettig. Es waren ja in Immigrath als Doppelbezirk immer zwei Pfarrer gleichzeitig tätig, aber es waren nie zwei, die sich gut verstanden haben. Das „Personal“ befand sich immer dazwischen.

 

Was lief gut in der Zusammenarbeit, was hätte vielleicht besser (oder anders) laufen können?

Die Zusammenarbeit mit Pfarrern hätte sicher besser laufen können. Das Verhältnis zwischen „Pfarrherr“ und „Personal“ war oft „von oben herab“ geprägt. Manche Pfarrer wollten auch gern ihren eigenen Musikgeschmack hören. Sie griffen damit oft in mein Ressort ein. Ich habe mir manches gefallen lassen, um den Frieden zu wahren.

Bedauert habe ich, dass bei besonderen Ereignissen wie damals im Luther-Jahr (1983) und auch im Bonhoeffer-Jahr (1995) keine besonderen Veranstaltungen in der Gemeinde stattgefunden haben, außer meinem Orgelkonzert mit Choralbearbeitungen von Luther-Liedern (Bach, Mendelssohn u. a.).

 

Was hat Ihnen besondere Freude an Ihrer Arbeit bereitet?

Ich habe mich immer über gelungene Darbietungen von Chor- und Orgelmusik gefreut. Schön war auch, wenn z. B. ein Gemeindeglied gesagt hat: „Ich komme gerne in die Kirche und freue mich immer über Ihr Orgelspiel.“

 

Welche Veränderungen im Gemeindeleben haben Sie im Laufe der Zeit beobachtet?

Auf die Musik bezogen: Es wurde damals in den Gottesdiensten zunehmend Musik von Bands statt Orgelmusik gespielt. In Immigrath und Wiescheid gab es drei Bands, die im Gottesdienst so laut gespielt haben, dass das Brustbein bebte. Eine solche Lautstärke halte ich für Körperverletzung.

 

Sie haben sich im Ruhestand sehr intensiv mit Glaubensthemen im musikalischen Kontext beschäftigt und halten Vorträge, z. B. über Bachs oratorische Werke und die Geschichte des Kirchenliedes (Martin Luther, Paul Gerhardt). Wie kam es dazu?

Ich habe mich im Ruhestand gerne weiter mit dem Inhalt meines Berufslebens beschäftigt. Wenn man selber nicht mehr spielt oder spielen kann, bleibt trotzdem das Interesse bestehen und es ist schön, wenn man sein Wissen weitergeben kann. Die großen Musikwerke können besser gehört und erlebt werden, wenn die Zuhörer Genaueres über den jeweiligen Komponisten und das Werk wissen.

  

Eine letzte Frage, Frau Berger: Was ist Ihnen aus all den Jahren mit „Kirchens“ am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben?

Das ist der Umgang mit dem Personal. Die Kirche als Arbeitgeberin muss im Umgang mit dem Personal noch viel lernen und den „Pfarrherrn“ ablegen. Nur ein Beispiel: Nach dem Orgelvorspiel sagt die Pfarrerin/der Pfarrer: „Wir beginnen jetzt den Gottesdienst ……“

Fotos: Waltraud Berger