Lese-Gottesdienst zu Karfreitag 2021
binary comment

Lese-Gottesdienst zu Karfreitag 2021

Kruzifix, Privatbesitz – Foto. Angela Schiller-Meyer

„… für uns – gelitten, gekreuzigt und gestorben“

So spricht Gott, der Herr:

Nun will ich das Geschick Jakobs (meines Volkes) wenden und mich des ganzen Hauses Israel erbarmen und um meinen heiligen Namen eifern. (Hesekiel 39,25)

Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die IHN (fürchten) achten.“ (Psalm 103,10)

Am heutigen Gedenktag des Todes von Jesus, schauen wir zurück auf sein Leben. So machen wir es bei allen Trauerfeiern. Dabei fragen wir: Wie hat der Verstorbene gelebt? Welche Eigenarten gehörten zu seinem besonderen Leben? Was wollen wir bewahren von dem, der von uns gegangen ist?

Viele Menschen haben das Leben von Jesus nach seinem Tod gedeutet. Sie haben ihm eine „Be-deutung“ gegeben und sie uns überliefert. Einige sagen: „Jesus ist für uns gestorben!“ Und ich höre Stimmen, die sagen: „Für mich musste Jesus sich nicht töten lassen! Ich brauche sein Opfer nicht!“ Was bedeutet eigentlich dieses „für uns – gelitten, gekreuzigt und gestorben“?Was wollte Jesus wirklich zeigen mit seinem Leben? Was hat Jesus selbst Kraft und Trost gegeben? Was zeigt uns die Geschichte seines Lebens für unser Leben?

Jesus stellt uns GOTT immer wieder als einen liebevollen Vater vor: GOTTES Wesen ist Erbarmen und Mitgefühl. In dem Lied „Amazing grace“ wird GOTTES umsorgende Zuwendung zu uns Menschenkindern besungen. Jesus selbst könnte es gesungen haben, doch es entstand erst rund 1800 Jahre nach Jesu Tod.

Lied: „Amazing grace“

1. O Wunder der Barmherzigkeit, du Licht in meiner Nacht!
Ich war verwirrt, dem Tod geweiht, du hast mich heimgebracht.

2. Die Gnade hat mich aufgeschreckt aus falscher Sicherheit,
den Glauben dann in mir geweckt,aus aller Angst befreit.

3. In Nöten, Mühsal und Gefahr hat Gnade mich bewahrt;
ich weiß, sie führt mich wunderbar bis hin zur letzten Fahrt.

4.Wir werden einst nach dieser Zeit Gott loben immerdar
und rühmen die Barmherzigkeit, die unsre Rettung war.

Deutscher Text: Klaus Haacker 2002Melodie „Lieder zwischen Himmel und Erde“, Nr. 135

Amazing grace, how sweet the sound that saved a wretch
like me. I once was lost but now am found, was blind, but now
I see.

`Twas grace that taught my heart to fear, and grace my
fears relieved. How precious did that grace appear the hour
I first believed.

How sweet the name of Jesus sounds in a believer`s
ear. It soothes his sorrows, heals the wounds, and drives
away his fear.

Must Jesus bear the cross alone and all the world go free?
No, there´s a cross for every one and there`s a cross for me.

Amazing Grace! How warm the sound that gave new life
to me, he will my shield and portion be, his word my hope
secures.

Text: John Newton 1779 (auszugweise), Melodie: aus den USA 1831

Gebet

Gott, Schöpfer und Vollender unseres Lebens, Todesmächte bedrängen die Welt. Leben zerfällt vor unseren Augen. Wir verlieren den Halt. Wir suchen nach Rettung.

GOTT, unser aller himmlischer Vater, DU bist unsere Hoffnung. Wie Jesus
wollen wir DIR vertrauen. In aller Bedrängnis wollen wir Ausschau nach DIR halten. So stimmen wir mit dem Herzen ein in die Worte aus dem Taizégesang: Unsere Augen sehn stets auf den Herren.
Oculi nostri ad Dominum Deum.

Ein Mensch unserer Zeit hat sich in den Erfahrungen des 23. Psalms wiedergefunden.Der 23. Psalm beginnt mit den Worten „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts fehlen“.Der Zeitgenosse hat die alten Bilder in sein Leben so übertragen:

Nach Psalm 23

Der Herr ist mein Arzt. Heilung geht von ihm aus.
Er nimmt mich an, gibt mir Zeit und Raum,
lässt mich zur Ruhe kommen und genesen.
Das Leben bringt er mir zurück,
zeigt mir sein Ziel und wie ich gehen kann.

Wenn mich mein Weg durch Leiden zwängt, verloren gebe ich mich nicht,
denn du bist mir Trost und Halt, auf den ich mich verlassen kann.

Du holst mich aus meiner Einsamkeit.

Inmitten lähmender Bedrohung lädst du mich ein zum Fest des Lebens.

Du begleitest mich auf meinen Wegen. Du bist mir nah, umsorgst mich Tag und Nacht.

Heilung geht von dir aus, und ich werde zu dir kommen mein Leben lang.

Nach Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“ (Verfasser unbekannt)

Einführung in die Schriftlesung

Bei Trauerfeiern erinnern wir uns daran, was im Leben des Verstorbenen geschehen ist. Wie hat der Verstorbene gelebt? Wie waren seine letzten Tage? Was ist davon wichtig, um sein Leben zu verstehen?

Der Evangelist Markus war einer der ersten, der die Geschehnisse um Jesus damals aufgeschrieben hat. Er hielt fest, dass die Hohenpriester das Volk aufwiegelten. Sie hatten ein hohes Interesse daran, dass Jesus gekreuzigt würde. Der damalige Statthalter Pilatus, der nichts Böses an Jesus fand, hätte den verhafteten Jesus begnadigen können. Doch das aufgebrachte Volk entschied sich, einen anderen Gefangenen auf freiem Fuß zu sehen, nämlich Barabas. So ließ Pilatus Jesus geißeln und gab ihn frei zur Kreuzigung.

Was danach geschah, fasste Markus in folgende Worte: Markus 15,16-39

Markus 15,16-39

16 Die Soldaten aber führten ihn (Jesus) hinein in den Palast, das ist das Prätorium, und riefen die ganz Kohorte zusammen

17 und zogen ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf

18 und fingen an, ihn zu grüßen: „Gegrüßet seist du, der Juden König!“

19 Und sie schlugen ihn mit einem Rohr auf das Haupt und spien ihn an
und fielen auf die Knie und huldigten ihm.

20 Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpurmantel aus
und zogen ihm seine Kleider an.
Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten.

21 Und zwangen einen, der vorüberging,Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage.

22 Und sie brachten ihn zur der Stätte Golgatha, das heißt übersetzt: Schädelstätte.

23 Und sie gaben ihm Myrrhe im Wein zu trinken; aber er nahm `s nicht.

24 Und sie kreuzigten ihn. Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los darum, wer was bekommen sollte.

25 Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.

26 Und es stand geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden.

27 Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.

28 Luther übersetzte Vers 28 nach einer späteren Überlieferung:
Da ward die Schrift erfüllet, die da sagt: Er ist unter die Übeltäter gerechnet.“

29 Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: „Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen,

30 hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz!“

31 Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: „Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen.

32 Der Christus, der König, von Israel, er steige nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben.“
Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch.

33 Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.

34 Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: „Eli, Eli, lama asabtani?“
Das heißt übersetzt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

35 Und einige, die dabei standen, als sie das hörten, sprachen sie:„Siehe, er ruft den Elia.“

36 Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr,gab ihm zu trinken und sprach: „Halt, lass uns sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme!“

37 Aber Jesus schrie laut und verschied.

38 Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.

39 Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber und sah, dass er so verschied, sprach: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“

„… für uns – gelitten, gekreuzigt und gestorben“

Es sind mutige Menschen, die ihr eigenes Leben riskieren für das Leben anderer. Ich denke da unter anderem an das Team von „Ärzte ohne Grenzen“, das in der Ebola-Bekämpfung in Afrika die eigene Gesundheit aufs Spiel setzte. Ich denke da an Menschen in dieser Covid-19-Pandemie, die – wie ein Katholischer Priester in Italien einem jüngeren Mann neben sich sein Beatmungsgerät überließ – und sich selbst damit dem Tode weihte. Ich denke an die stillen Helfer überall, nicht nur in dieser Pandemie, die ihre Kräfte einbringen zum Wohle eines anderen menschlichen Wesens, dem eines Kindes, eines Pflegebedürftigen, eines Einsamen, eines Sterbenden. Ich denke an die vielen nahezu unsichtbaren „Menschlichkeiten“, die in Krankenhäuer und Kriegsgebieten, in unwegsamen Regenwäldern und dürren Wüstenlandschaften bei jungen und alten Menschen aller Völker Leid lindern und sich dabei z. T. der Gefahr aussetzen, selbst gefoltert, misshandelt oder getötet zu werden.

Es sind mitfühlende Menschen, die ihr eigenes Leben riskieren für das Leben anderer. Seit Jahren lese ich mit viel Leidenschaft Lebensbiographien, in denen Menschen eben nicht nur um sich selbst kreisen, sondern das Wohlergehen von Menschen im Blick haben, die sie eigentlich nichts angehen müssten. Die Biographie („Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen“, 2020) von dem 85 jährigen Aktivisten Rüdiger Nehberg (*1935), habe ich nahezu „gefressen“. Um auf die Ausrottung der indigenen Indianerstämme im Regenwald Brasiliens aufmerksam zu machen, absolvierte der selbständige Bäcker und Konditor aus der Gegend von Hamburg verschiedene VHS-Kurse und Survival-Trainings zu Wasser und zu Land. Auch wenn ihm dabei sicher seine Abenteuerlust zu Hilfe kam, waren es extreme Übungseinheiten physischer und psychischer Natur, die absolviert werden wollten, wenn er – der zudem schwerst seekrank war – ganz allein den Atlantik überqueren wollte. Ziel der Übung war es für ihn auf die Bedrohung einheimischer Volksstämme in Brasilien aufmerksam zu machen. Er hatte deren Not auf einer seiner Privatreisen unmittelbar und unmissverständlich kennen gelernt. Einer seiner Vorgänger wurde dort getötet, als er auf den Missstand hinweisen wollte. Die einheimischen Ur-Einwohner leben in einem Gebiet, das voller Bodenschätze ist und so Ausbeuter aller Art aus Profitgier anlockt. Diesen übergriffigen Ambitionen waren und sind massiv Grenzen zu setzen. Deshalb überquerte Rüdiger Nehberg innerhalb weniger Jahre dreimal den Atlantik und das sehr medienwirksam, einmal allein im Tretboot, einmal allein im Einbaum und einmal zusammen mit einer befreundeten Kapitänin auf einem Floß. Später gründete er zusammen mit seiner zweiten Frau Annette TARGET e. V., einen Verein, der sich gegen die weibliche Genitalverstümmelung einsetzt und das vor allem in Afrika und im Nahen Osten. Indem der Verein ganz bewusst mit dem Islam zusammen arbeitet, wirkt sich sein Einsatz sehr förderlich auf die Gesundheit der Frauen und Mädchen aus.

Es sind leidensbereite Menschen, die ihr eigenes Leben einsetzen für das Leben anderer. Sich für andere Menschen einzusetzen, ist nicht bequem. Solch ein Engagement fordert heraus. Es braucht die Bereitschaft, sich vom Sofa zu erheben und die eigene Komfortzone zu verlassen. Arbeit, Kreativität, eigene Finanzmittel und Lebenskräfte sind hier gefragt. Zudem birgt solch ein Einsatz das Risiko des Misslingens und möglicherweise einen irreparablen Schaden an der eigenen Gesundheit. Strapazen, Überstunden, Schlafmangel könnten Begleiterscheinungen sein, wie auch Verleumdungen und Falschanklagen aller Art mit entsprechenden Folgen, wie Gefängnis und sogar Misshandlungen wie Folter bis zum Tod.

Es sind beseelte Menschen, die ihr eigenes Leben einsetzen für das Leben anderer. „Hast du denn kein Herz?“ fragen wir Menschen, wenn wir bei ihnen kein Mitgefühl spüren können, deren Leid uns aber im Tiefsten berührt. Doch es geht nicht nur ums Herz, sondern um unsere Seele. Nach alter bildlicher Überlieferung heißt es in der Schöpfungsgeschichte „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem, den Atem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges, beseeltes Wesen.“ (1. Mose 2,7) Menschen werden zutiefst lebendig, wenn sie sich von Gottes Atem, von Gottes Geist beseelen lassen. „Lebendig sein“ meint nach biblischem Verständnis, dem Leben selbst, der Schöpfung, der Kreatur selbst zu dienen. Leben dient dem Zweck, Leben zu bewahren, zu stärken und zu vervielfältigen. Beseelte Menschen verkörpern die Kraft ihrer Seele, ihrer Ur-Bestimmung. Sie geben ihrer Seelenkraft und damit ihrer Liebe zum Menschsein schlecht hin Raum. Deshalb können beseelte Menschen gar nicht anders, als ihr Leben für andere einzusetzen.

Es sind göttliche Menschen, die ihr eigenes Leben einsetzen für das Leben anderer. Jesus war auch einer, der sein eigenes Leben eingesetzt hat für das Leben anderer. Jesus hat sich eingesetzt für Ausgestoßene, für Fremde, für Frauen, für Unreine, für Gesetzlose und Kriminelle. Er hat das getan, weil er ihr Leid nicht nur gesehen, sondern auch erfühlt hat und es lindern wollte. Jesus war ein Mensch unter Menschen. Jesus war einer, der im Tiefsten bei unserem GOTT angebunden war und IHM vertraute. Für Jesus ist GOTT der himmlische Vater, voller Liebe und Verständnis. Seine tiefe Verbindung zu Gott ließ ihn immer wieder besonders den Menschen nahe sein, die verletzt, verwundet, gekränkt, verspottet und misshandelt waren. Jesus stellt sich neben sie. Das ist für Machthaber aller Art und Zeiten schwer auszuhalten. In diesem Sinne hat Jesus für uns und mit uns Menschen mit-gelitten.

Diese starke Anteilnahme konnte tödlich sein. Das nahm Jesus in Kauf aus seiner Liebe zu all den verletzten, gekränkten und ausgegrenzten Personen in seinem Umfeld. Seine Hingabe für den Menschen schlechthin vollendete sich auch nicht in seinem Sterben am Kreuz. Seine Hingabe für den Menschen vollendet sich erst in seiner Preisgabe des eigenen Lebens, das er seinem Schöpfergott zurück in die Hände legt, wenn er sagt: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Lukas 23,46

Jesus Christus hat uns in einmaliger Weise die Tür geöffnet zu unserem himmlischen Vater. Deshalb nennen wir in Gottes Sohn. Um Gottes unfassbare Liebe zu uns schwierigen und bedrängten Menschen zu bringen, hat Jesus

„… für uns – gelitten,
ist er für uns gekreuzigt worden und für uns gestorben.“

Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“
So bekennt es der Hauptmann, der Jesus gegenüber stand.

Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn.“
Er, dieser Jesus, ist die Tür zu einem lebendigen Leben,
getragen von Gottes Liebe durch Raum und Zeit.

Amen.


Glasfenster Dornenkrone, St. Magni, Braunschweig – Foto: Angela Schiller-Meyer